Unsere Stellungnahme zur Vernehmlassung «Verkehr' 45»
Braucht St.Gallen einen weiteren Autobahnanschluss?
Der Bundesrat hat am 19. Juni 2026 die Vernehmlassungsvorlage für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur bis 2045 verabschiedet. Grünes Gallustal hat dazu Stellung genommen. Unser Anliegen ist, dass der Verkehr in der Schweiz ganzheitlich gedacht wird.
Darum geht es:
Mit der Vernehmlassungsvorlage «Verkehr ‘45» sollen die Kapazitäten auf der Schiene erhöht, Engpässe auf der Nationalstrasse reduziert und Verkehrsprojekte in Agglomerationen gefördert werden. Der Bundesrat will damit erstmals den Infrastrukturausbau über alle Verkehrsträger in einer gemeinsamen Vorlage bündeln.
Unsere Einschätzung zu «Verkehr ’45»:
Entscheidend ist, die Mobilität als Ganzes zu betrachten und für eine bestimmte Verkehrsnachfrage die sinnvollste Lösung über alle Verkehrsmittel hinweg zu suchen – ohne die Verkehrsträger gegeneinander auszuspielen.
Wir sehen die Gefahr, dass weitere Ausbauten zusätzliche Nachfrage und damit mehr Verkehr erzeugen. Das stärkt die grossen Zentren zulasten von Regionen und kleineren Städten. Statt immer grössere Distanzen in immer kürzerer Zeit zu ermöglichen, braucht es aus unserer Sicht starke Quartiere und lebendige Regionen mit kurzen Wegen.
Darum setzen wir uns für eine Verkehrsplanung ein, die Verkehr vermeidet oder reduziert, unnötige Wege verkürzt und den ÖV sowie den Velo- und Fussverkehr stärkt. Gleichzeitig braucht es Lösungen, die unterschiedliche Verkehrsmittel miteinander verbinden.
Unser Fazit: Verkehr sollte nicht in getrennten Systemen gedacht werden. Entscheidend ist nicht, ob eine Lösung für das Auto oder den ÖV gebaut wird, sondern welche Lösung für Mensch, Umwelt und Region insgesamt am sinnvollsten ist.
Parallel sind Strategien zu entwickeln, wie der wirtschaftlich notwendige Verkehr gegenüber «unnötigem» Freizeitverkehr bevorzugt werden kann.
Beispiel Wil West: Die Erschliessung eines neuen Gewerbegebietes auf der grünen Wiese mit öffentlichen Verkehrsmitteln sollte parallel mit jener des MIV erfolgen. So stehen von Beginn an alle Verkehrsmittel zur Verfügung. Ein späterer Umstieg vom eingewöhnten MIV auf den ÖV muss nicht bemüht werden. In diesem Sinn wäre der Bau der SBB-Haltestelle Wil West ebenso sinnvoll wie jene der Frauenfeld-Wil-Bahn in diesem Gebiet.
Wofür wir uns einsetzen:
Wir setzen uns dafür ein, dass unnötiger Verkehr vermieden und Verkehr auf klimafreundliche Verkehrsmittel verlagert wird. Dazu braucht es gute Verbindungen mit Bahn und Bus sowie attraktive und sichere Wege für Velos und den Fussverkehr. Auch kürzere Wege und starke Quartiere können dazu beitragen, den Verkehr zu reduzieren.
Der MIV soll vor allem dort zum Einsatz kommen, wo ein gutes ÖV-Angebot nicht sinnvoll möglich ist, sowie für den Güterverkehr, wenn dieser nicht auf die Bahn verlagert werden kann.
Für Grünes Gallustal gehört die Verkehrspolitik zudem zur Klimaanpassung unserer Städte. Begrünung, Entsiegelung, Bäume, grüne Korridore und offene Gewässer helfen, Städte bei zunehmender Hitze zu kühlen. Zusätzlicher Strassenbau kann diesem Ziel entgegenwirken, wenn dafür Flächen versiegelt oder Grünräume verloren gehen.
Auch die CO₂-Emissionen beim Bau von Verkehrsinfrastruktur müssen berücksichtigt werden. Der Bau von Tunnels stösst gleich viel CO2 aus, wie während über 100 Jahren der Verkehr mit Verbrennermotoren auf dieser Distanz verursachen würde. Deshalb fordern wir, dass die Emissionen aus dem Bau von Strassen und insbesondere Tunneln in die Klimabilanzen von Bund und Kantonen einfliessen.
Unser Ziel: weniger unnötiger Verkehr, mehr klimafreundliche Mobilität und genügend Raum für grüne, lebenswerte Städte.
Autobahnzubringer in die Stadtzentren führen zu Mehrverkehr auf innerstädtischen Strassen (Foto: Grünes Gallustal).
Was wir fordern:
Die Verkehrsplanung und Klimaanpassung sollen ganzheitlich gedacht werden.
Wir sehen neue Strassenkapazitäten in Städten und Agglomerationen kritisch – insbesondere wenn dafür Grünräume verloren gehen oder zusätzliche Versiegelung entsteht.
Besonders kritisch sehen wir die geplanten Strassenprojekte in und um St.Gallen:
Der Zubringer Güterbahnhof («Teilspange») und die dritte Röhre des Rosenbergtunnels überzeugen uns nicht. Der geplante Autobahnzubringer würde zusätzlichen Verkehr ins Stadtzentrum bringen. Gleichzeitig braucht St.Gallen mehr Platz für Bäume, Grünflächen und Freiräume, um sich an den Klimawandel anzupassen.
Auch das Güterbahnhofareal soll sich zu einem lebendigen Stadtquartier entwickeln. Die geplanten unterirdischen Bauten würden die Möglichkeiten für Parks, Alleen und eine dichte Begrünung einschränken.
Besonders kritisch sehen wir zudem die Auswirkungen auf das Wattbachtobel. Der wertvolle Naturraum würde durch den geplanten Liebeggtunnel und die damit verbundenen Bauwerke stark beeinträchtigt. Deshalb lehnen wir die «Spange» mit dem unterirdischen Kreisel, dem Liebeggtunnel und den vorgesehenen Anschlüssen ab.
Auch die geplante dritte Röhre des Rosenbergtunnels sehen wir kritisch. Aus unserer Sicht könnte der bestehende Tunnel auch ohne Kapazitätsausbau saniert werden, beispielsweise durch Nachtarbeiten. Gleichzeitig könnten Massnahmen wie ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs dazu beitragen, Verkehrsprobleme langfristig zu reduzieren.
Besonders wichtig ist uns, dass für den Ausbau der Autobahn keine gut erhaltenen Olma-Hallen abgerissen werden müssen. Abriss und Neubau verbrauchen Ressourcen und verursachen zusätzliche graue Energie.
Tram für St.Gallen: Ein Ausbau des öffentlichen Verkehrs darf aus unserer Sicht nicht auf Kosten von Bäumen und Begrünung gehen. Eine Eigentrassierung soll deshalb nicht zulasten wichtiger Grünstrukturen umgesetzt werden.
Das ist unser Ziel – mit Fokus auf St.Gallen:
Die vorhandenen Mittel sollen stärker für gute ÖV-Verbindungen, den Veloverkehr und attraktive öffentliche Räume eingesetzt werden.
Das Ziel ist eine Mobilität, die St.Gallen gut erschliesst, ohne die Stadt weiter zu versiegeln und wertvolle Natur- und Freiräume zu verlieren.
Bei Umfahrungs- und Strassenprojekten sollte genau geprüft werden, wie viel Verkehr damit tatsächlich reduziert wird. Wenn ein grosser Teil des Verkehrs innerhalb einer Region entsteht, lösen neue Umfahrungsstrassen das Problem nur teilweise. Sinnvoller wäre, mit dem hierfür budgetierten Betrag für bessere ÖV-Verbindungen auch innerorts zu sorgen.
Die vorhandenen Mittel sollen stärker für gute ÖV-Verbindungen, den Veloverkehr und attraktive öffentliche Räume eingesetzt werden (Foto: Grünes Gallustal).