«Kantonsstrasse zum See»: Autobahnzubringer wird als Grünkorridor verkauft
Am 8. März 2026 stimmt die Bevölkerung des Kantons St.Gallen über die «Kantonsstrasse zum See» in Rorschach ab. Es handelt sich um einen neuen Autobahnanschluss mit Zubringer vom Bereich Witen oberhalb Goldach bis zum See bei der Badhütte. Rorschach und Goldach sehen darin die Lösung all ihrer Verkehrsprobleme. In der offiziellen Projektskizze wird die neue Strasse mit grossen Bäumen und viel grüner Farbe umrahmt. Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen. Grünes Gallustal empfiehlt ein NEIN.
So wird der Autobahnzubringer verkauft: Ein Grünkorridor, der sich durch mehrere Gemeinden zieht. Davon darf man sich aber nicht täuschen lassen (Visualisierung: offizielle Projektskizze).
Grünes Gallustal wurde als Initiative für eine biodiverse und lebenswerte Stadt St.Gallen gestartet. Die Erkenntnisse und Massnahmen sind, angepasst, auch für andere Städte und Gemeinden anwendbar. Unsere Fachexpertise wird zunehmend auch ausserhalb der Stadt St.Gallen nachgefragt. So geschehen in Rorschach: Der Verein Grünes Gallustal/Markus Tofalo wurden gebeten, das Projekt «Kantonsstrasse zum See» zu analysieren.
Auf den ersten Blick löst das Projekt in Goldach und Rorschach verkehrliche Probleme der Stadt am See, wie die fehlende Bahnunterführung oder die schlechte Anbindung der Industrie an die Autobahn. Versprochen werden Entlastungen auf den bisherigen Hauptachsen in Goldach und Rorschach sowie Folgeprojekte für Quartiere und den Fuss- und Veloverkehr. Geworben wird mit üppig begrünten Zeichnungen, auf denen viel Grün und grosse Bäume entlang der neuen Strasse zu sehen sind (siehe Visualisierung oben).
Die neue Strasse soll von der Autobahn (oben im Bild) zuerst durch Landwirtschaftsland, dann durch das Siedlungsgebiet bis an den Bodensee führen (Luftbild: Swisstopo, Überlagerung: offizielle Projektskizze).
Der Verein Grünes Gallustal sieht das Projekt kritisch
Die Lösung der beiden oben genannten Probleme ist zwar anerkannt, doch zum Ziel einer Stadt, die sich dem Klimawandel anpasst, die Artenvielfalt schützt und die Siedlungsqualität steigert, führt das Bauvorhaben nicht.
Für die St.Gallerstrasse in Goldach wird mehr als die Halbierung der aktuellen Verkehrszahlen prognostiziert. Tatsächlich kann eine Strasse für 8'000 Fahrzeuge nicht platzsparender und grüner ausgeführt werden als für 20'000 Fahrzeuge. Oder andersherum: Was nach der Verkehrsreduktion auf diesen Achsen möglich wäre, ist es heute schon.
Mehrverkehr ist garantiert
Die prophezeite Verkehrsabnahme muss hingegen bezweifelt werden. Es ist möglich, dass der Effekt unmittelbar nach der Eröffnung der Kantonsstrasse zum See eintritt. Danach werden die Zahlen aber durch induzierten Mehrverkehr wieder zunehmen. Denn: Neue Angebote werden genutzt, was wiederum die Nachfrage steigen lässt. Pendlerinnen und Pendler, die bisher den ÖV für ihren Arbeitsweg nach St.Gallen wählten, könnten zum Auto zurückkehren. So wird der Bau dieser Strasse auch die Stadt St.Gallen konkret betreffen.
Es ist menschlich, dass Pendlerwege nicht in Kilometern, sondern in Minuten gemessen werden. Gelangt der Mensch innerhalb eines Zeitbudgets weiter, nutzt er diese Möglichkeit in der Regel auch, z.B . für eine entfernter gelegene Arbeitsstelle. Diese Aussage gilt natürlich auch für den ÖV. Nur sind dort die Auswirkungen weniger gravierend. Der ÖV hinterlässt einen geringeren Schaden fürs Klima und beansprucht weniger Fläche.
Durch die «Kantonsstrasse zum See» geht Grünfläche verloren (Bild VCS Sektion St.Gallen/Appenzell, Markus Tofalo, Quelle: offizielle Projektskizzen).
Es wird verschwenderisch mit Geld und Fläche umgegangen
Fläche ist im Siedlungsgebiet zunehmend ein rares Gut. Grünes Gallustal hat sich zum Ziel gesetzt, die Ökoflächen in Städten zum Wohl von Mensch und Natur zu vergrössern. Wir haben im Leitbild aufgezeigt, dass dies auch möglich ist, wenn man den motorisierten Individualverkehr nicht einschränkt. Eine Plafonierung des Verkehrs, wie sie die Stadt St.Gallen kennt, wäre also das Ziel, ein Rückgang der Wunsch. Ein Wachstum hingegen, das mit der «Kantonsstrasse zum See» zweifellos angestossen würde, steht dem Ziel von Grünes Gallustal diametral entgegen. Deshalb empfiehlt der Verein Grünes Gallustal die Ablehnung dieses Projekts. Zudem schmerzen die hohen Kosten von gesamthaft 315 Mio. Franken – das sind 150 Mio. Franken pro Kilometer!
Die Ecke Blumenfeldstrasse – Industriestrasse müsste für das Vorhaben abgerundet werden. Das dort stehende, erst 2008 erbaute Altersheim Liebenau Helios muss für die «Kantonsstrasse zum See» abgebrochen werden (Bild: VCS Sektion St.Gallen/Appenzell, Markus Tofalo, Quelle: offizielle Projektskizzen).
Dieser hohe Preis begründet sich auch durch zwei Tagbautunnels – einer davon mitten in der Stadt – und den Abbruch von mehreren Liegenschaften, verbunden mit einer Entschädigung oder einem Ersatzbau. Darunter ist auch das erst 2008 eröffnete Altersheim Helios in Rorschach. Diese Abbrüche und Tunnelbauten stehen ebenfalls entgegen dem Klimaschutz, der einen schonungsvollen Umgang mit Ressourcen und grauer Energie verlangt.
So würde die Einfahrt in den Tunnel mit der «Kantonsstrasse zum See» an der Ecke Blumenfeldstrasse - Industriestrasse aussehen (Bild: VCS Sektion St.Gallen/Appenzell, Markus Tofalo, Quelle: offizielle Projektskizzen).