Steinach beim Bischofsgarten, Heute.
(Visualisierung: Grünes Gallustal)
Steinach beim Bischofsgarten, wie es in Zukunft aussehen könnte.
(Visualisierung: Grünes Gallustal)
Die Steinach fliesst seit über 120 Jahren unterirdisch hinter der St.Galler Altstadt vorbei. Den Stadtbach wieder sichtbar zu machen, ist ein altes Anliegen. Jetzt hat der Verein Grünes Gallustal eine Machbarkeitsstudie dafür vorgestellt. Das Konzept wertet den Stadtraum auf, ist aber auch ein Beitrag zum Klimaschutz sowie für mehr Natur und Lebensqualität.
Grünes Gallustal setzt sich seit 2022 für eine biodiverse und lebenswerte Stadt St.Gallen ein. Zu den Visionen für Aufwertungsprojekte gehörte von Anfang an die Idee, die Steinach hinter dem Stiftsbezirk sichtbar fliessen zu lassen. Dafür trat Grünes Gallustal am Montag, 26. Oktober 2026, mit einer umfangreichen Machbarkeitsstudie an die Öffentlichkeit. Anlass für die Konkretisierung des Projekts ist, dass die Stadt für den Ausbau der Fernwärme in den nächsten Jahren sowieso Bauarbeiten an Moosbrugg- und Lämmlisbrunnenstrasse plant.
Eine vollständige Offenlegung des alten Laufs der Steinach ist dabei weder geplant, noch aufgrund der heutigen baulichen Situation und der hohen Kosten möglich. Stattdessen soll ein Teil des Steinachwassers beim Müllertor abgeleitet, durch einen naturnah gestalteten, oberirdischen Bachlauf geführt und dann wieder in die Steinach geleitet werden. Dole und Stollen der Steinach bleiben erhalten. Auch der Wirbelschacht von Roman Signer vor der Talstation der Mühleggbahn soll weiter funktionieren.
Ein Beitrag zum Hochwasserschutz
Das Projekt «Alte Steinach» verbindet Wasserbau, Stadtklima, Biodiversität und Stadtraumgestaltung. Der neue Bach wird mit naturnahen Ufern und Bepflanzungen sowie schattenspendenden Bäumen gestaltet. So entstehen neue Lebensräume für die Stadtnatur, die Aufenthaltsqualität wird entlang den heutigen Strassenzügen verbessert und der Stadtraum gekühlt. Das Projekt hat zudem das Potenzial, Gebäudeschäden durch Hochwasser zu reduzieren.
In der Machbarkeitsstudie findet sich auch eine provisorische Kostenschätzung. Die wasserbaulichen Massnahmen einschliesslich Gestaltung und Bepflanzung des neuen Bachlaufs werden rund 7,4 Millionen Franken betragen. Nicht enthalten sind darin Strassenbau- und Umgebungsarbeiten neben dem neuen Gewässer sowie Übergänge über dieses. Eine Nutzen-Kosten-Analyse weist ein Potenzial des Vorhabens zur Reduktion von Hochwasserschäden aus, das Kosten von 3,7 bis 9,1 Millionen rechtfertigt.
Steinach am Karlstor, wie es in Zukunft aussehen könnte.
(Visualisierung: Grünes Gallustal)
Goodwill der Behörden gelobt
An der Machbarkeitsstudie haben Fachleute verschiedenster Disziplinen mitgewirkt. Die Behörden waren von Anfang an über die Studie informiert. Verschiedene Amtsstellen von Stadt und Kanton unterstützten die Projektgruppe des Grünen Gallustal mit fachlichen Inputs. Der Goodwill und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit seitens der Behörden seien sehr geschätzt worden, sagte Reto Schmid, Präsident des Grünen Gallustals, am Montag an einer Medienorientierung: «Wir danken ausdrücklich dafür.»
Die Machbarkeitsstudie zeigt, dass das Projekt «Alte Steinach» technisch möglich ist. Sie stellt gleichzeitig eine fundierte Grundlage für die Weiterentwicklung des Vorhabens dar. Dieses bietet gemäss Grünem Gallustal die Chance, einen historischen Stadtraum aufzuwerten sowie ökologische und klimatische Verbesserungen mit dem Hochwasserschutz zu verbinden. Erste Schritte in Richtung Umsetzung müssten eine vertiefte fachliche Prüfung sowie eine aufs Projekt abgestimmte Verkehrs- und Freiraumplanung sein.
Grünes Gallustal leitet die Machbarkeitsstudie jetzt dem St.Galler Stadtrat zu. Er wird letztlich entscheiden müssen, ob und wie das Projekt weiterverfolgt wird. Dafür werden auch politische Abwägungen nötig sein, zu denen sich Grünes Gallustal in der Machbarkeitsstudie bewusst nicht äussert. Ein Thema ist sicher die Finanzierung des Vorhabens. Zu klären wäre dabei, inwiefern es für ein Projekt «Alte Steinach» Beiträge von Bund und Kanton sowie allenfalls von anderen Institutionen gibt.
Ein geschichtsträchtiger Stadtbach
Die Kurve, wo heute die Moosbrugg- in die St.Georgen-Strasse übergeht, ist für St.Gallen geschichtlich ein wichtiger Ort. Hier soll gemäss Legende Gallus 612 über einen Strauch gestolpert sein. Er deutete dies als göttliches Zeichen, dass er sich an diesem Platz niederlassen sollte. Wo heute Autos die Moosbruggstrasse hinauffahren, befand sich damals Wildnis. Der zentrale Grund für die Wahl als Standort einer klösterlichen Siedlung dürfte das Wasser gewesen sein, dass hier bis heute von den Hügeln ins Hochtal fliesst.
Die Steinach war nicht nur für Gallus und seine Gefolgschaft eine Lebensader, sondern in den folgenden Jahrhunderten auch für das Kloster und die Stadt. Heute fliesst der Stadtbach unterirdisch und versteckt an der Altstadt vorbei. Es verschwindet bei der Talstation der Mühleggbahn, um erst an der Stadtgrenze im Osten zurück ans Tageslicht zu kommen. Überdeckt wurde die Steinach zwischen 1867 und 1903 etappenweise aus hygienischen Gründen. So entstand unter anderem Platz für Verkehr und eine dichtere Überbauung.
(Visualisierung: Grünes Gallustal)
(Visualisierung: Grünes Gallustal)
Im Kajak durch die Steinachdole
Die Idee, die Steinach ans Tageslicht zurückzuholen, ist nicht neu. Schon 1998 präsentierte die «Vision Steinach Gallusstadt» ihr Projekt dafür. In einem Gerinne oder Kanal sollte das Steinachwasser wieder oberirdisch fliessen können. Im Sommer 1999 warb sogar Künstler Roman Signer mit einer Kajakfahrt durch die alte Steinachdole für die Idee. Aus ihr wurde trotzdem nichts. Die «Vision Steinach Gallusstadt» musste sich mit dem Steg bei der Talstation der Mühleggbahn und dem Wasserspiel hinter der Kanti am Burggraben begnügen.
Die Zeit für eine oberirdische Führung des Steinachwassers war noch nicht reif. Grünes Gallustal ist überzeugt, dass sich das geändert hat. Ökologische Massnahmen zur Aufwertung des öffentlichen Raums, zur Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels (Stichworte: Hitzewellen, Starkregen), für Biodiversität und damit insgesamt für den langfristigen Erhalt der Lebensqualität in der Stadt haben heute eine andere Aktualität und Dringlichkeit als noch vor einem Jahrzehnt.
Kontakt Medienfragen
Aurelia Winter
Projektleiterin GGT/Architektin GSI
071 246 60 10, aurelia.winter@gruenesgallustal.ch