Baumschutz bewährt sich, offene Fragen bleiben

Bäume sind bei steigenden Temperaturen zentral für den Erhalt der Lebensqualität in den Stadtquartieren. In St.Gallen war die Ausweitung des Baumschutzes auf das ganze Stadtgebiet ein überfälliger Schritt. Die ersten Erfahrungen damit fallen für Grünes Gallustal mehrheitlich positiv aus. Der erweiterte Baumschutz löst aber nicht alle Baumprobleme.

Seit Jahrzehnten wird in St.Gallen über eine freundlichere Umgebung für den Broderbrunnen, vor allem mehr Grün und weniger Asphalt, politisch diskutiert.

Die Vision von Grünes Gallustal für das grünere Umfeld des Broderbrunnens. Die Stadt geht das Thema aktuell zusammen mit der Neugestaltung von St.Leonhard-Strasse und Oberem Graben an (Foto und Visualisierung: Grünes Gallustal).

Heute gilt der Baumschutz in der Stadt St.Gallen nicht mehr nur in einzelnen Schutzgebieten, sondern für alle Bauzonen. Angesichts der Entwicklung des Baumbestandes und vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung war diese Ausdehnung für Grünes Gallustal überfällig. Zwei Drittel der Stimmenden sahen das in der Volksabstimmung vom 12. März 2023 ähnlich. Entsprechend deutlich fiel mit 66,1 Prozent Ja-Stimmen die Zustimmung aus. Ein von Kritikern des erweiterten Baumschutzes danach angestrengtes Rechtsverfahren ging ebenfalls zu Gunsten des erweiterten Baumschutzes aus.

Neu gelten seit 1. November 2024 die Vorschriften der früheren Baumschutzgebiete fürs ganze Siedlungsgebiet. Grosse Bäume dürfen überall nicht mehr einfach gefällt werden. Bei Einzelbäumen mit einem Stammumfang von 80 und mehr Zentimetern braucht es eine Fällbewilligung der Stadt. Muss für ein Neubauprojekt gefällt werden, sind diese Fällungen Bestandteil des sowieso nötigen Baubewilligungsverfahrens. Und steht ein nicht speziell geschützter Baum dem Hauptteil eines Neubauprojektes im Weg, ist eine Fällung in der Regel auch möglich.

Obwohl die Vorschriften gegenüber der früheren Lösung nicht verschärft wurden, sondern nur der Anwendungsbereich ausgeweitet wurde, gibt es weiterhin Opposition aus der Politik gegen den erweiterten Baumschutz. In einer Einfachen Anfrage aus dem Stadtparlament wird er aktuell als zu bürokratisch kritisiert. Für Grünes Gallustal ist diese Kritik angesichts der Erfahrungen seit dem 1. November nicht nachvollziehbar. Die jetzt vorliegenden Zahlen legen nahe, dass diese Kritik auf Einzelfällen basiert und damit massiv übertrieben ist.

Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Grünes Gallustal hat die Auswirkungen des erweiterten Baumschutzes vom 1. März 2025 bis zum 28. Februar 2026 detailliert unter die Lupe genommen. Geprüft wurden bei diesem Monitoring 144 Fällgesuche, die knapp 360 Bäume mit einer Kronenfläche von insgesamt über 15'000 Quadratmetern betrafen. Diese Zahlen sind eine Annäherung und aufgrund der fehlender Details in der städtischen Statistik die Spitze des Eisbergs. Sie sind aber ein Hinweis darauf, dass das Gefühl von Städterinnen und Städter nicht unbegründet ist, dass aus ihrer Nachbarschaft immer wieder grosse, ihr Umfeld prägende Bäume verschwinden.

Das Amt für Baubewilligungen der Stadt St.Gallen weist für 2025 110 Fällgesuche aus. Sie betrafen im Schnitt einen bis zwei, in einem Fall sogar zwanzig Bäume. Von den Gesuchen wurden 93 bewilligt und 17 abgewiesen. Die Zahl der davon betroffenen Bäume wird von der Stadt nicht statistisch erfasst. Das gilt auch für Baumfällungen, die im Rahmen von Baugesuchen stehen und gutgeheissen werden. Die allermeisten Fällgesuche wurden 2025 also gutgeheissen. Daraus lässt sich ableiten, dass der Baumschutz durch die Stadt sehr zurückhaltend angewendet wird.

Die Umgebungsgestaltung einer Wohnüberbauung in der heute an vielen Orten in der Stadt St.Gallen gängigen Form. An Natur und an Aufenthaltsqualität für die Nachbarschaft ist hier wenig vorhanden.

Was auf der gleichen Fläche gemäss der Vision von Grünes Gallustal möglich wäre: Solche Umgestaltungen sind ein Gewinn für die Stadtnatur wie auch für die Stadtbevölkerung (Foto und Visualisierung: Grünes Gallustal).

Bäume sind von grossem öffentlichem Interesse

Befürchtungen, dass in der Stadt St.Gallen wegen der Erweiterung des Baumschutzes nicht mehr gebaut werden könne, sind für Grünes Gallustal aufgrund seines eigenen Monitorings und der Statistik der Stadt völlig haltlos. Auch der Vorwurf der überbordenden Bürokratie ist aus seiner Sicht nicht haltbar: Angesichts des grossen öffentlichen Interesses am Baumschutz ist es Grundeigentümerinnen und Grundeigentümern ohne Weiteres zumutbar, das A4-Blatt für Fällgesuche auszufüllen, bevor grosse, alte Bäume entfernt werden.

Dass es in Einzelfällen zu abweichenden Meinungen und Verzögerungen kommen kann, liegt (wie bei «normalen» Baugesuchen) in der Natur der Sache. Gehen die Meinungen über den Gesundheitszustand eines Baums oder die von ihm ausgehenden Beeinträchtigungen auseinander, ist es wie bei anderen Baufragen gerechtfertigt, durch Fachleute ein Gutachten erstellen zu lassen. Die konsequente Verfügung einer Ersatzpflanzung anstelle eines gefällten alten Baumes ist angesichts des grossen öffentlichen Interesses an Bäumen ebenfalls richtig.

Einzelfälle belegen: Griffiger Baumschutz ist nötig

Einzelfälle zeigen auf der anderen Seite, dass die Ausweitung des Baumschutzes längst nötig gewesen wäre. Grünes Gallustal ist bewusst, dass viele Private an ihren Bäumen hängen und sie mit Hingabe pflegen. Für den Baumbestand in der Stadt ist ihr Engagement ein wichtiger Faktor. Einzelne Fällgesuche seit dem 1. November 2024 zeigen allerdings auch, dass die Einsicht, dass grosse Bäume für die Lebensqualität in der Stadt wichtig sind, noch nicht überall angekommen ist.

Ein solcher Einzelfall war, dass eine auswärtige Immobiliengesellschaft in ihrer Überbauung alle Bäume fällen wollte – ohne klare Gründe und nur mit Hinweis auf eine allfällige spätere Neugestaltung der Umgebung. Solche «Fällungen auf Vorrat», die ohne erweiterten Baumschutz nicht zu verhindern waren, lehnt Grünes Gallustal dezidiert ab. Das gilt auch für den medial breit rapportierten Einzelfall, in dem eine Fällbewilligung verweigert wurde, worauf ein Gärtner im Auftrag des Grundeigentümers den Baum verstümmelte.

Für Grünes Gallustal bleibt der Erhalt grosser Bäume weiterhin ein wichtiges Thema. Heute wird immer noch zu schnell zur Motorsäge gegriffen. Bis aber ein junger Baum die volle Funktion des grossen Vorgängers übernehmen kann, vergehen Jahrzehnte. Bei Problemen sollte eine Fällung so lange als möglich hinausgeschoben werden. Kränkelnde Bäume lassen sich mit Hilfe von Spezialisten oft noch jahrelang halten, wie das prominente Beispiel der Linde auf dem Gallusplatz beweist. Bei der Pflege von Baumbeständen ideal sind dann frühzeitige Neupflanzungen, so dass junge Bäume sich neben ihren Vorgängern entwickeln können.

Wo möglich, gehört zur Pflege eines alten Baumbestandes die vorsorgliche Pflanzung junger Bäume, die die Funktion ältere Vorgänger nach einer allfälligen Fällung rascher übernehmen können. Im Bild ein Lösungsvorschlag für die alte Linde auf dem Gallusplatz (Visualisierung: Grünes Gallustal).

Griffigere Regeln prüfen

Angesichts der Bedeutung des Themas und der ersten Erfahrungen mit dem erweiterten Baumschutz hält Grünes Gallustal griffigere Regeln wie sie beispielsweise die Stadt Bern kennt, auch bei uns für prüfenswert. Gelegenheit zur Diskussion wird sich bei der anstehenden Totalrevision von Bau- und Zonenordnung (BZO) bieten. Angesichts der Situation braucht es jetzt keine politischen Lippenbekenntnisse zu Bäumen und ihrem Schutz, es braucht jetzt Taten.

Wegen des Klimawandels und für mehr Biodiversität: St.Gallen braucht seine grossen Bäume

Das Klima erwärmt sich weiter. Wetterkapriolen wie Hitzewellen, Starkregen oder Gewitterstürme werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zunehmen. Auch die Stadt St.Gallen muss diese Entwicklung bewältigen und die Lebensqualität in ihren Quartieren erhalten. Das Leitbild Grünes Gallustal ist eine Strategie dafür: Sie zeigt Massnahmen auf zur Abfederung des Klimawandels, für den Erhalt der Biodiversität und für die qualitative Aufwertung städtischer Freiräume. Zum Konzept gehört auch ein ganzes Massnahmenpaket zugunsten der St.Galler Stadtbäume.

Grosse Bäume sind für die Stadt der Zukunft überlebenswichtig. Sie sind Schatten- und Sauerstoffspender, Feinstaubfilter und wichtige Lebensräume. Fallen sie weg, leidet die Lebens- und Aufenthaltsqualität in einer Stadt. Ein durchschnittlicher Laubbaum mit einem Kronendurchmesser von 15 Metern beschattet und kühlt eine Fläche von 160 Quadratmetern. Eine grosse Buche produziert täglich den Sauerstoff, den 50 Menschen während einer Stunde zum Atmen brauchen. Und das alles ohne Steckdose und kostenlos.

In St.Gallen ist die Talsohle zu wenig begrünt. Das liegt an der baulichen Verdichtung, aber auch an fehlenden Bäumen und Grünstreifen entlang von Strassen und auf Plätzen. An den Hängen der Stadt finden sich immer noch viele grosse Bäumen. Die bauliche Verdichtung ist aber auch dort spürbar, etwa durch Lücken in der Abdeckung durch Baumkronen wegen grossvolumiger Neubauten. Massnahmen zum Erhalt bestehender und zur Pflanzung neuer Bäume müssen dringend in Angriff genommen werden. Auch, weil junge Bäume Jahrzehnte brauchen, bis sie ihre volle Wirkung entfalten.

Weitere Informationen

Kontakt für Medienfragen

  • Reto Schmid, Präsident Verein Grünes Gallustal, Tel. 076 560 07 85

  • Markus Tofalo, Autor Baumschutz-Monitoring Grünes Gallustal, Tel. 076 534 95 07

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